Gelesen: Saskia Hennig von Lange – Alles, was draußen ist

Jung+und+Jung+Hennig+von+Lange+CoverZwischen siamesischen Zwillingen, Skeletten, einer schönen Wasserleiche und anderen Kuriositäten macht er täglich seine Runden. Er protokolliert sie und seine Gedanken, vor allem seit er weiß, dass er nicht mehr lange leben und unter starken Schmerzen sterben wird. Die Novelle Alles, was draußen ist führt den Leser in ein Anatomiemuseum mit sonderbaren Präparaten hinter den Vitrinenscheiben und gleichzeitig in die Gedankenwelt des namenlosen Mannes, der die Frage beantworten will: Was bleibt, wenn wir gehen?

Bei seinen Versuchen hat er Studien betrieben und Ohrmuscheln präpariert, die Medizinstudenten ihm vorbei gebracht haben. Er wollte sehen, was vom gesprochenen Wort im Ohr bleibt, wo die Stimme ihre Spur hinterlässt.

Ich suchte ja die Stelle, an der jede Stimme eine Spur hinterlässt im Kopf des anderen. Ich suchte nicht den Ton, das war mir schon klar, dass man den nicht würde finden können, ich suchte nur dessen Spur, denn einen Abdruck muss er ja hinterlassen […]. Und dieses Getöse und Gelärme, das kann ja nicht spurlos vorbeigehen, da muss ja irgendetwas bleiben davon […]. Doch ich habe nichts gefunden außer dem Gehörgang und den Schnitten, die ich selbst gesetzt hatte.

Besucher kommen schon lange nicht mehr in das Museum, das er sich gekauft hat und in dem er lebt. Also denkt er nach, über Robespierres Totenmaske, seine Mutter, die schöne Beischläferin und imaginiert sich Treffen und Begebenheiten mit der Untendrunterwohnerin. Wie der Erzähler Tierpräparate bearbeitet, so seziert diese Novelle seine Gedanken, in präzise Schnitte. Die langen Sätze imitieren seinen Denkprozess; sie sind wie Spiralen, die immer näher zur Wahrnehmung und den (Selbst-)Reflexionen des Erzählers führen. In diesen Sätzen steckt so viel Kraft, Rhythmus und Melodie und vermutlich auch die formale Verkörperung des Wunsches zu bleiben, und nicht zu gehen.

Doch das weiß ich ja schon und wusste es die ganze Zeit: dass manches bleibt und manches geht.

Fazit

Saskia Hennig von Langes Debüt ist eine ungewöhnliche Geschichte über die Hinterlassenschaft eines Mannes, der weiß, dass er bald sterben wird. Der Leser wird gleich auf zwei Rundgänge mitgenommen: durch den faszinierenden Schauplatz des Anatomiemuseums und durch das Innenleben des Mannes. Die sprachliche Präzision und die inhaltliche Dichte machen Alles, was draußen ist zu einer Novelle, die man gut und gerne mehrmals lesen möchte.

4 Sterne

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6 Antworten zu “Gelesen: Saskia Hennig von Lange – Alles, was draußen ist

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