Motive in der Literatur – Die Suche nach einer Konstanten

Ich habe in den letzten Wochen einige Romane gelesen, die Sehnsucht, Sex, (zweifelhafte) Liebe und Lebensentwürfe junger Frauen zum Thema hatten. Nichts scheint ihnen genug zu sein, doch im Grunde wollen sie sich an etwas festhalten (meist an einem Mann), weil sie das Gefühl haben, dass alles um sie herum auseinanderfällt. Doch die Suche nach Sicherheit und einer Konstanten im Leben führt sie zu noch mehr Unsicherheit und Unvernunft… Möglicherweise gibt es oder soll es gar keine Erfüllung geben, denn das würde bedeuten, dass es keine Sehnsucht mehr gäbe.

Sehnsucht in der zeitgenössischen Literatur

Die Suche und Sehnsucht nach Halt scheint mir ein aktuelles Weltgefühl zu sein, möglicherweise ein typisch weibliches Phänomen, da ich viele der Gefühle und Wahrnehmungen in den folgenden Romanen schmerzlich gut kenne.

Es folgt eine Übersicht über aktuelle Romane, deren Themenschwerpunkte und meine Leseeindrücke:

Ilaria Palomba – Tu dir weh (2013)

Nachdem die Philosophie-Studentin Stella die Welt der Drogen und Marco kennengelernt hat, ändert sich ihr Leben; Werte verschieben sich und die vernünftige Stimme in ihrem Kopf wird immer leiser. Es beginnt eine obsessive Beziehung mit intensiven Wahrnehmungen, geschildert in expliziten Sex- und Rauschszenen – aufwühlend, schockierend und faszinierend zugleich. Nicht nur Stella wird sich dabei weh tun, sondern auch der Leser, denn solche melancholischen und ruhigen Momente sind selten:

„Sie weicht einem betrunkenen Mädchen und ein paar schweißnassen Typen aus, setzt sich auf die Treppen gegenüber vom Eingangstor, zündet sich eine Zigarette an und schaut der grauen Rauchwolke nach, die den Mond vernebelt.“

 Tu dir weh
Laura Karasek – Verspielte Jahre (2012)

Theresa wechselt Make-Up, Parties, Städte und Männer gleichermaßen – immer auf der Suche nach Perfektion oder der richtigen Gelegenheit. Die Jahre gehen dahin, sie ist nicht in der Lage, ihr Studium abzuschließen und ihre Sehnsucht zu stillen. Bis sie einsehen muss, ihre Einstellung zu ändern… Trotz guter Ansätze bleibt das Konstrukt hinter dem Roman zu deutlich. Mehr Subtilität und weniger Stilbrüche wären wünschenswert gewesen, gerade weil Theresas Geschichte durchaus den Nerv der Zeit trifft:

„Jedes Mal, wenn er ging, ging er zu früh. Jedes Mal, wenn er auflegte, war sie mitten im Satz. Jedes Mal, wenn er etwas sagte, sagte er nicht genug.“

„Er war die Sorte Mann, nach dem man Sehnsucht hat, obwohl er neben einem liegt.“

 

Verspielte Jahre
Fee Katrin Kanzler – Die Schüchternheit der Pflaume (2012)

Die namenlose Musikerin hat eine besondere Sicht auf die Welt, erkennt Schönheit in den kleinsten Dingen, fühlt sich und das Leben vor allem dann, wenn sie tanzt oder auf der Bühne steht. Durch die Leichtigkeit und Schwere, mit der sie durchs Leben geht, steht sie irgendwann zwischen mehreren Männern. Der Autorin gelingt es, mit Worten so kunstvoll umzugehen, dass wahre Sinnesrausche entstehen und das Alltägliches eine neue Bedeutung bekommt:

„Ob ein Orgasmus tiefe Einigkeit zweier Körper ist oder doppeltes Alleinsein, frage ich mich später. Ob ich dir in dem Moment ungeheuer nah war oder dich längst verloren hatte.“

„Du bist nicht nur mein Geliebter, du bist mein Gedächtnis.“

Die Schüchternheit der Pflaume
Silke Scheuermann – Die Stunde zwischen Hund und Wolf (2007)

Es ist die Geschichte von Ines und ihrer Schwester: Über Hilfe, Hilflosigkeit, Alkohol und die Suche nach Halt und Orientierung. Was sprachlich und inhaltlich vielversprechend beginnt, bleibt im Laufe des Romans konturlos und blass. Ein paar leuchtende Momente gibt es dennoch:

„Ich bedauerte, dass dieser Akt heute Nacht nicht mehr bedeuten konnte als einen schmalen Kompromiss, dass er ein schwacher Ersatz war für uns, die wir die richtigen Worte nicht gefunden hatten und uns nun wenigstens sagen konnten, dass wir, wenn die Liebe schon nicht leicht war, wenigstens das Äußerste gegeben hatten.“

https://i2.wp.com/www.epubbuy.com/15308-15322-large/stunde-zwischen-hund-wolf-scheuermann.jpg

Kurzfilm: Zur Freiheit verdammt

Passend zum Thema habe ich einen Kurzfilm gefunden, der all die Gedanken, Ängste und Sehnsüchte unserer Zeit treffend auf den Punkt bringt:

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7 Antworten zu “Motive in der Literatur – Die Suche nach einer Konstanten

  1. „Tu dir weh“ steht schon auf meiner Wunschliste, es klingt einfach unheimlich interessant. 🙂
    Ich freue mich übrigens sehr, dass dir scheinbar „Die Schüchternheit der Pflaume“ gut gefallen hat, mich hatte das Buch ja förmlich umgehauen – vor allem auch wegen seiner wunderbaren Sprache.

    • „Tu dir weh“ kann ich auf jeden Fall weiterempfehlen 🙂 Das gleiche gilt für „Die Schüchternheit der Pflaume“, aber das muss ich dir ja nicht sagen, du hast in deiner Rezension bereits sehr schön beschrieben, wie bemerkenswert der Roman ist. Es war tatsächlich einer der besten Romane, die ich seit langem gelesen habe.

  2. Mich würde interessieren, in welchem Verhältnis Du diese Romane mit Romanen von Sibylle Berg wie etwa ‚Der Mann schläft‘ siehst. Könnte man beide Stränge als ‚Post-Feministisch‘ bezeichnen, nur eben von der jeweils anderen Perspektive? Ignoriert man sich großzügig? Zwei Seiten einer Medaille? Wie siehst Du das?

    • Das sind interessante Fragen, die ich mir so noch nicht gestellt habe. Leider habe ich bisher noch nichts von Sibylle Berg gelesen, will das aber unbedingt ändern. Deshalb kann ich mich leider nicht dazu äußern, werde es aber tun, sobald ich etwas von ihr gelesen habe (das e-book zu „Der Mann schläft“ habe ich mir gerade gekauft) 🙂

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