Gelesen… Janine di Giovanni: Die Geister, die uns folgen

Kann eine Liebe Bestand haben, die sich in Zeiten der Kriege und Ausnahmezustände gefunden hat, und versucht fern von den Krisengebieten ein gemeinsames Leben und einen Alltag aufzubauen?

Die Autorin Janine di Giovanni ist Kriegsberichterstatterin und beschreibt in „Die Geister, die uns folgen“ ihr Leben und ihre Liebe zu Bruno. Sie lernt ihn während eines Einsatzes in Sarajevo kennen: Sie schreibt Reportagen, er arbeitet als Kameramann in Krisengebieten.

Die Leitmotive in Janines Leben schwanken zwischen einander finden, sich verlieren, vergessen und erinnern. Sie schreibt sehr reflektiert, versteht im Nachhinein die Zusammenhänge in ihrem Leben.

 „Warum war ich in den glücklisten Momenten meines Lebens nur so melancholisch, so tieftraurig?“ (S. 106)

Man spürt, dass hinter diesem Roman ein Verstehensprozess steckt, der der Autorin geholfen hat, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Während des Lesens musste ich an ein Zitat von Kierkegaard denken, das hier sehr gut passt: Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“

Die Kapitel sind chronologisch geordnet und teilen Janines (und Brunos) Leben in Abschnitte: Kriegseinsätze, Geburt ihres Sohnes Luca, weitere Einsätze, Brunos Alkoholismus sowie das Einleben und Ankommen in Paris. Dazwischen gibt es Einschübe, Rückblicke und Erklärungen – hier schwankt die Autorin und Ich-Erzählerin zwischen Details und Raffung, wobei leider manch Beiläufiges zu viel Raum bekommt. Beispielsweise anstelle den Inhalt einer SMS in den Vordergrund zu stellen, erklärt sie, wer diese SMS geschrieben hat, was sie an dieser Person schätzt und reißt an, wo sie gemeinsame Einsätze verbracht haben.

Gegen Ende des Romans häufen sich Zusammenfassungen und bereits Erzähltes wird in ähnlichen Formulierungen wiederholt. Abgesehen davon lässt sich der Roman angenehm lesen, die Wortwahl ist meist schlicht, der Stil einfach und berichtend, die Sätze mittellang. Dennoch fühlte ich beim Lesen mit, vor allem während Janines Schwangerschaft, welche die größte Wende in ihr Leben gebracht hat, und sehr eindringlich und detailreich geschildert wird. Ihre Ängste und ihre Hilflosigkeit werden greifbar genauso wie ihre Zweifel am Mutterdasein:

 „Wie könnte ich ihm [Luca] je zeigen, dass die Welt schön war, wenn ich selbst nicht richtig daran glaubte?“ (S. 73)

„[…] wie sollte ich je eine Babyarm durch einen Strampelanzug stecken, ohne ihn zu brechen?“ (S. 84)

Nach der Geburt ihres Sohnes werden Janine und Bruno sesshaft und beziehen eine Wohnung in Paris. Doch der Krieg und die Gedanken daran sind allgegenwärtig – selbst die Bedeutung ihres neuen Lebens in Paris kann sie nur negierend beschreiben und zeigt damit gleichzeitig wie sehr ihre Gedanken von ihrem früheren Leben behaftet sind:

 „Ich wollte nicht mehr in Afrika in einem Bett aufwachen, unter dem eine Waffe lag. Ich wollte mich nicht im Dunkeln ans Fenster schleichen, um zu sehen, aus welcher Richtung die Schüsse kamen. Ich wollte mich nicht hinter Autositzen verstecken, damit ich nicht von Querschlägern getroffen wurde. Ich hatte es satt, korrupte Beamte zu bestechen, auf abgelegenen Konsulaten um Visa zu betteln, Dolmetscher anzuheuern, an einem Ort zu landen, wo keiner mich kannte, und vor Angst, jemand könnte mich ausrauben oder vergewaltigen, Stühle vor der Tür eines versifften Gästehauses zu stapeln und mich mit Kodein vollzupumpen, damit ich schlafen konnte.“ (S. 71)

Sowohl Janine als auch Bruno können mit der Normalität nur schwer umgehen, Janine fürchtet sich vor der Sicherheit. Irgendwann gestehen sie sich die Konsequenzen der Kriegserfahrungen ein:

‚Hast es uns kaputt gemacht?‘, fragte ich ihn erneut.

Dann antwortete er [Bruno] mir schließlich: ‚Wie denn auch nicht?‘. (S. 191)

Fazit

Eine kurzweilige und eindringliche Autobiografie einer außergewöhnlichen und starken Frau. Der Leser erfährt zum einen viel über die Arbeit einer Kriegsreporterin, die sich mit jedem Tag neuen Gefahren aussetzt, mit Soldaten und Flüchtlingen spricht, um die Welt zu informieren. Zum anderen beschreibt Janine di Giovanni die Schattenseiten und Konsequenzen, die sie und andere Menschen mit Kriegserfahrungen treffen: Posttraumatische Belastungsstörungen, Albträume, Süchte oder Selbstmorde.

Der Titel des Romans trifft die Grundthematik sehr gut und zeigt, dass die Geister der Vergangenheit einen großen Raum in der Gegenwart besetzen können, und wie schwer es ist, zu vergessen.

 

Janine di Giovanni: Die Geister, die uns folgen. Bloomsbury Berlin 2012. 304 Seiten. 17,99€. ISBN: 9783827010902

Ein Rezensionsexemplar von Bloomsbury Berlin und

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Eine Antwort zu “Gelesen… Janine di Giovanni: Die Geister, die uns folgen

  1. Oh, dafür wollte ich mich eigentlich auch bei Blogg dein Buch bewerben … danke für die schöne Besprechung. Obwohl du nur drei Sterne vergeben hast, spricht mich das Buch und deine Beschreibung dennoch an, so dass das Buch auf jeden Fall auf der Wunschliste bleibt. 🙂

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