Gelesen… David Foenkinos: Souvenirs

Souvenirs, Andenken – das sind gekaufte Erinnerungen, meistens mitgebracht aus unseren Urlauben, für uns selbst oder als Geschenk für andere. Ob es eigene oder fremde Erinnerungen sind – das Motiv zieht sich in seiner ganzen Bandbreite durch Foenkinos Roman und am Ende stehen sie da: die Erinnerungen vieler Menschen an das Leben oder an andere Menschen, nebeneinander aufgereiht und in Schmuckdöschen verschlossen.

 

Souvenirs schildert den Streifzug eines Ich-Erzählers durch das Leben seiner Familie und die Welt der Erinnerungen. Der namenlose Pariser ist angehender Schriftsteller und arbeitet als Nachtportier in einem Hotel, weil er glaubt, so besser schreiben zu können. Er erzählt vom Tod seines Großvaters, von der schwierigen Beziehung zu seinen Eltern und wie seine Großmutter gegen ihren Willen ins Altersheim kommt. Langsam merkt er, dass er durch seine Nachtarbeit vereinsamt und vergessen hat, dass er ein eigenes Leben führt. Erst als seine Großmutter verschwindet, führt ihn die Suche nach ihr zurück in sein Leben.

Weil der Erzähler seinem eigenen Leben kaum Beachtung schenkt, erfährt der Leser mehr über seine Eltern und seine Großmutter als über den Namenlosen. Er verschwindet zwischen den Familiengeschichten und wirkt wie eine blass gezeichnete, passive Figur, die nichts aus ihrem Leben macht, der man am liebsten sagen möchte: „Tu‘ doch endlich etwas!“

Stattdessen schildert er gleichförmig und in einer poetisch anmutenden Sprache banale Episoden aus dem Leben anderer. Nach einer Eingewöhnungszeit wirkt die Sprache nicht mehr so ungewöhnlich, doch immer wieder stolpere ich über Stilbrüche oder Formulierungen, in denen das treffende Wort fehlt:

„Meine Augen trogen, was die Herkunft meiner Gefühlsregungen betraf. Aber was solls.“

„Wir drehten uns im Walzer der Beileidsbekundungen.“

„Das wäre dann eine Art des prophylaktischen Sichrevanchierens.“

„Meine Versuche, zur Wollust vorzudringen scheiterten nicht mit niederschmetternden Pauken und Trompeten, sondern prallten an der stillen Macht der Verzweiflung ab.“

Andere Sätze dagegen sind treffend und bildhaft zugleich:

„… aber die meiste Zeit verbrachten wir damit, über die Felder ihrer Einsamkeit zu ziehen.“

Die Stärke und die Besonderheit des Romans sind die Erinnerungssplitter. Nach jedem Kapitel folgt die Erinnerung einer Person, die im vorangegangenen Abschnitt erwähnt wurde. Randfiguren, Künstlern, Musikern oder Filmen ist jeweils eine Seite mit deren Erinnerungen gewidmet, aus denen sich zum Teil neue Perspektiven auf die Handlung ergeben.

Neben diesen fremden Souvenirs spielt der Roman mit Erinnerung in all ihren Formen – Anekdoten, Alzheimer, täuschende Erinnerungen, die Suche nach Erinnerungen und der Umgang mit ihnen. Außerdem spielt er mit der Erinnerung des Lesers: Als sich der Erzähler auf etwas bezieht, das er bereits geschildert hat, merkt er in einer der vielen Fußnoten an, in welchem Kapitel die Vorgeschichte nachzulesen ist, falls der Leser es vergessen oder übersprungen hat.

Diese subtile Ironie schwingt auch dann mit, wenn der Erzähler reflektiert, ob sein Chef im Hotel eine Figur für einen Roman abgeben würde und bewertet, wie „romanhaft“ manche Begebenheiten sind. Interessanterweise steht teilweise genau das im Roman, was zuvor als nicht literarisch betrachtet wurde – und vielleicht liegt auch hier die inhaltliche Schwäche, zumal größtenteils Belanglosigkeiten beschrieben werden, es wenige Dialoge gibt und man mit den Gedanken des Ich-Erzählers alleine gelassen ist. Diese philosophisch wirkenden Gedanken des Erzählers stellen sich als Allerweltsgedanken heraus, weil sie mir auch schon alle einmal in den Sinn kamen (z. B. Begehen wir die gleichen Fehler wie unsere Eltern? Wiederholt sich in jeder Generation das Leben der vorangegangenen?).

Im gesamten Roman kommt nur an wenigen Stellen Atmosphäre auf, vieles ist zu unbestimmt oder nur auf die visuellen Eindrücke beschränkt. Was ist das für ein Hotel, in dem er arbeitet und was tut er dort überhaupt die ganze Nacht? Hat er wirklich gar keine sozialen Kontakte außerhalb der Familie? Wie kann ich mir sein Zimmer „ohne Seele“ vorstellen?

Trotz der vielen Ideen und Erinnerungsschätze lässt sich nicht darüber hinwegsehen, dass der Schwerpunkt des Romans unklar gesetzt ist und er zu viele Themen in ungleicher Gewichtung behandelt. So könnte man ihn bezeichnen als einen gedankenlastigen Familienroman über das Älterwerden begleitet von fremden Erinnerungen und einem Hauch von Liebesgeschichte.

Die Handlung lässt sich sehr viel Zeit damit, die Familienereignisse von mehreren Wochen zu beschreiben. Erst im letzen Viertel des Romans überschlagen sich die Ereignisse und acht Jahre im Leben des Ich-Erzählers, in denen es tatsächlich einmal (fast) nur um ihn geht, werden komprimiert, rasen am Leser vorbei und nehmen den Wendungen, die gerade in sein Leben getreten sind, ihren Zauber.

Fazit

Die sprachlichen Mängel und die langatmige Familiengeschichte rauben der guten Idee von den Facetten der Erinnerung die Kraft. Leider nimmt der Klappentext des Romans ¾ der Handlung vorweg, sodass beim Lesen jegliche Spannung verloren geht und das interessantere letzte Viertel des Romans zu schnell abgehandelt wird.

David Foenkinos: Souvenirs. C.H.Beck 2012. 333 Seiten. Klappenbroschur. 17,95 Euro. ISBN: 978-3-406-63947-0

Ein Rezensionsexemplar von C.H. Beck und

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2 Antworten zu “Gelesen… David Foenkinos: Souvenirs

  1. Eine schöne und sehr aufschlussreiche Rezension! Herzlichen Dank dafür – ich habe von David Foenkinos bereits „Nathalie küsst“ gelesen, das mir gefallen hat, auch wenn die ganz große Begeisterung ausgeblieben ist. Dazu sind die Beschreibungen einfach zu banal … sein neues Buch liegt hier bereits und ich bin gespannt, wie es mir gefallen wird! 🙂

    • Danke, es freut mich sehr, dass meine Rezension hilfreich war. Während ich lese und wenn ich weiß, dass ich eine Rezension darüber schreiben werde, notiere ich mir alle Leseeindrücke und Zitate, damit mir nachher nichts verloren geht. Ich bin auch gespannt, wie dir der Roman gefällt, denn bisher scheine ich die Einzige zu sein, in deren Kritik das Buch nicht so gut bei weggekommen ist.

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